Alte Schule

Detlef Schmidt

Wismars Alte Schule

Fotos am Endes des Beitrages                                                         

 

Für Rose-Marie, Annekathrin und Tabea

Impressum:
Detlef Schmidt, Wismar 2010
Herausgeber: Volker Stein…
Bildnachweis:
Kleine Reihe Wismarer Kostbarkeiten: Seite….
Sammlung Detlef Schmidt: Seite…
Hanjo Volster: Seite…
Heidemarie Schult: Seite…
Gesamtherstellung: Verlag Koch & Raum OHG

ISBN: 9783878901532

Zum Geleit

Liebe Leserinnen und Leser,
wenn Sie in einer Internetsuchmaschine den Suchbegriff „Gotisches Viertel“ eingeben, so bekommen Sie sekundenschnell zwei Standorte genannt: Barcelona mit 158.000 und Wismar mit immerhin 27.000 Treffern. Das gotische Viertel in Barcelona ist weltbekannt und das Wismarer schickt sich an, die Bekanntheit zu erlangen – und dies aus gutem Grund.
Über Barcelona ist zu lesen: „Viele enge und verwinkelte Gassen prägen das Stadtbild des Go-tischen Viertels, des Barri Gòtic. Die vielen sonnigen Plätze vor geschichtsträchtigen Gebäu-den versammeln sich rings um die Kathedrale, die den Mittelpunkt des Barri Gòtic darstellt. Das Barri Gòtic wurde in den 20er Jahren (d. 20. Jh..) umfassend saniert und erstrahlt heute in neuem Glanz.“
Wismar hat erst nach 1990 die Chance zur Erhaltung seiner Schätze bekommen und mit der Erhebung Wismars 2002 in den Weltkulturerbestatus ist auch eine verstärkte Identität der Einwohner mit seiner kulturhistorischen Geschichte zu verzeichnen. In diesem Zusammenhang bekommt das Gotische Viertel mehr Aufmerksamkeit, das durch die Sichtbarmachung der Grundmauern des ehemaligen Kirchenschiffes von St. Marien noch verstärkt wird.
Der Begriff Gotisches Viertel ist genau genommen zwar erst seit 1985 bekannt, jedoch die Bezeichnung für den Bereich um die Wismarer Kirchen St. Marien und St. Georgen geht auf die ursprüngliche, zumeist in der Fachwelt gebräuchliche Bezeichnung „Gotischer Winkel“ oder auch „Museumsinsel“ zurück.
Der kulturgeschichtlich wertvollste Profanbau des Gotischen Viertels von Wismar war die Alte Schule, wenn man von den sakralen Wohnbauten des Pfarrgehöftes von St. Marien und des Archidiakonates absieht.
Die Alte Schule ist durch die Zerstörung vom 14./15. April 1945 unwiederbringlich verloren. Lediglich die Grundmauern und Teile des Kellers sind, durch Ausgrabungen seit 2007 freige-legt, erhalten.

Der bedeutendste Profanbau Wismars

Die Alte Schule in Wismar war ein besonders herausragendes Bauwerk, das die Wismarer zu jeder Zeit zu schätzen wussten.
Parallel zur St. Marienkirche und der Kellerstraße gebaut, galt sie Fachleuten als das herausra-gende Beispiel der gotischen Baukunst im profanen Bereich über die Grenzen Wismars hinaus. Bilder des bis 1945 unzerstörten Bauwerkes zeigen ein reich bemessenes Bauwerk und es ist schon sehr gut anzunehmen, dass dieser Bau den Wismarern nicht gerade billig geworden ist.
Erbaut wurde sie zu Beginn des 14. Jahrhundert, wobei Historiker und Fachleute anderer Dis-ziplinen auch das 13. Jahrhundert, also das Gründungsjahrhundert Wismars annehmen. Dies also in einer Zeit, in der auch mit dem Bau der Stadtkirchen begonnen wurde und viele Häu-ser ein ärmliches Aussehen hatten. Nach einem Stadtbrand von 1306 wurden Bürgern, die ein Haus aus Stein, anstelle von leicht brennbaren Materialien, erbauten, 5.000 Steine als Anreiz vom Rat versprochen. Damals unterschied man zwischen Häusern, die zumeist als mehrstöcki-ge Giebelhäuser ausgeführt wurden, und Buden als ebenerdige Häuser. Dazu gab es noch die Kellerbehausungen für den ärmeren Teil der Bevölkerung.
So gesehen war die Alte Schule schon ein ausgewiesener Luxus, den sich die Bürger für ihre Bildung leisteten. Dass die Alte Schule oder ein eventueller Vorgängerbau an dieser Stelle schon im 13. Jahrhundert gestanden haben könnte, zeigt auch die Straßenbezeichnung von 1280, die mit „retro scolas“ oder 1289 mit „apud scolas“ und letztendlich im Wachtregister von 1475 für uns verständlicher mit „achter der schole“ genannt wird. Das war die Bezeich-nung für die Kellerstraße, deren Name erst um 1800 auftaucht, bevor sie um 1750 auch als „Hinter der küsterey“ erwähnt wurde.
Die Alte Schule in Wismar als früher Schulbau, etwa fünfzig Jahre nach Stadtgründung, be-kommt demnach einen besonderen Stellenwert. Entsprechend war auch die Bauausführung.
Der mecklenburgische Kunsthistoriker Professor Dr. Friedrich Schlie gibt in seinem 1898 er-schienenen umfassenden Kompendium zu den „Kunst- und Geschichts-Denkmälern Mecklen-burgs“ einen nicht besser zu treffenden Zustandsbericht zur Alten Schule:
„Allen voran steht die Alte Schule (an erster Stelle der Profanbauten in Wismar, d. Verf.) bei St. Mari-en, die geradezu als ein kleines Juwel des hochgotischen Stiles bezeichnet werden kann. Es ist ein Backsteinbau aus roten und grünen Ziegeln mit reicher Anwendung von Formsteinen.
Leider ist vor vierzig Jahren (1858, d. Verf.) dem jetzigen Musikantenhause zu Liebe ein Teil des merkwürdigen Hauses abgebrochen worden. Der jetzige Ostgiebel, der dem jetzigen westli-chen Hauptgiebel des trotz seiner Verkürzung immer noch lang genug erscheinenden alten Hauses etwas mehr entspricht, hatte früher eine andere Gestalt, er war ein schlichter dreiseiti-ger Giebel mit fünf einfachen Blenden im Spitzbogenstil.
An der südlichen Fassade ein Fries von vier in ein Quadrat zusammengefügten Dreiblättern, wie man ihn ganz so am ersten Geschoss des noch ins 13. Jahrhundert zu setzenden Turms von St. Marien sieht, auf der Nordseite ein anderer, der eine Reihe neben einander aufrecht gestell-ter Kleeblätter (ähnlich in St. Georgen und St. Nikolai, d. Verf.).
Dem 13. Jahrhundert wird somit auch die Alte Schule angehören. Abgesehen von den schö-nen Verhältnissen der Spitzbogenblenden und ihres Masswerks im westlichen Giebel, liegt auf den Langseiten ein großer Reiz in der Ordnung der durch Stichbögen verbundenen Pilaster, ferner in dem schmuckreichen Fries zwischen Unter- und Oberstock, sowie ganz besonders in der Bekrönung des Oberstocks mit einem Zinnenschmuck, der auf offenen Stichbögen ruht, unter denen das Dach nach unten hin vorstrebt und durchschießt. Seit der im Jahre 1880 durch den Landbaumeister (Gustav) Hamann in Hagenow geschmackvoll durchgeführten Restauration des Baues, der in eine arge Verwilderung geraten war, nachher aber als Museum der Stadt eingerichtet worden ist, hat der Eindruck des ganzen außerordentlich gewonnen“. Soweit also der Kunsthistoriker Friedrich Schlie.

Schule in Wismar und in der Alten Schule

Es muss den Wismarern schon sehr viel an der Bildung ihrer Geistlichen, Mitbürger und Kin-der gelegen haben, dass sie sich einen solchen Schulbau geleistet haben, denn die Alte Schule ist von Beginn an als Schulhaus konzipiert worden.
Der Bildungsstand im Lesen und Schreiben war, wenn man von Geistlichen, die eine sakrale Bildungseinrichtung durchlaufen hatten, absieht, nicht besonders verbreitet. Im Wismarer Rat beispielsweise kam es durchaus vor, dass die Ratsherren nicht lesen und schreiben konnten, an Latein gar war überhaupt nicht zu denken. Dagegen gab es nachweislich im Jahre 1334 auch Ratsherren, die lateinische Urkunden lesen konnten. Natürlich war es im geschäftlichen Um-gang nötig, dass man diese Kenntnisse hatte. Dazu kommt die Tatsache, dass es in Wismar sehr viele Geistliche gab. Es waren dies die Pfarrer an den Kirchen und die Mönche in den zwei Wismarer Klöstern. Nach Aufzeichnungen kommt man auf die Anzahl zwischen 200 und 250 Geistliche allein für Wismar. Dies waren Pfarrer, Vikare, Ärzte, Krankenpfleger, Lehrer, um nur einige zu nennen.
Für den geistlichen und den weltlichen Bereich war der Bedarf an gebildetem Nachwuchs groß und sicherlich waren es nur die vermögenden Bürger, die ihre Kinder, und dies waren nur Jungen, auf die neue Schule schickten.
Wismar hatte neben der Schule für die Kirchspiele von St. Marien und St. Georgen, eben der Alten Schule, noch eine weitere im Kirchspiel von St. Nikolai und eine im Schwarzen Kloster der Dominikaner an der Mecklenburger Straße. Letztere war die eigentliche „Gelehrtenschule“ vor der Reformation und als Vollschule auch mit naturwissenschaftlichen Fächern nahezu aus-schließlich für Klosterschüler vorgesehen.
Allein für die Alte Schule an St. Marien sind im 14. Jahrhundert durchschnittlich 200 Schüler mit vier Lehrern und einem Rektor genannt, was auf einen regen Schulbesuch und Bedarf in der Stadt schließen lässt.
Die Wismarer Schulen sollten in der Regel jedoch nur für den geistlichen Nachwuchs sorgen. Darüber hinaus waren verstärkt natürlich Kinder aus Kaufmannshäusern anzutreffen.
Genau in diesem Punkt waren die Wismarer empfindlich, hatten sie doch seit jeher gegen die Vormachtstellung der Geistlichkeit in den verschiedensten städtischen Angelegenheiten ange-kämpft. Um falschen Vorstellungen vorzubeugen, sie waren nicht gegen die Kirche, aber es sollte doch nach dem Willen des Rates und seiner Bürger gehen.
Die Oberaufsicht über Wismars Schulen hatte im 13. Jahrhundert das mecklenburgische Herr-scherhaus. Dieses setzte einen „Scholasticus“, also einen Geistlichen ein, der als ihr Vertreter die Rektoren der Schulen berief und so die Belange des Fürsten durchsetzte.
Erstmals 1279 erlangte der Wismarer Rat durch Fürstin Anastasia von Mecklenburg die Patro-natsrechte über die Schulen und übernahm das „Scholarchiat“ über die Schulen, das heißt die Oberaufsicht. Damit hatte der Rat das Recht auf Einsetzung des Schulrektors und der Lehrer, ein auch aus heutiger Sicht nicht unbedeutender Einfluss auf die städtische Bildungseinrich-tung. Dafür sollte jedoch der Rektor vom Rat bezahlt werden, ebenfalls auch ein Priester, der für die herzogliche Familie in der Marienkirche die Heilige Messe lesen sollte. Außerdem musste der Überschuss, der aus dem Schulbetrieb kam, dem Werkmeister von St. Marien übergeben werden.
Dem Wismarer Rat war dieses nur recht, doch der Ratzeburger Bischof Markwart, Wismar gehörte zur Diozöse Ratzeburg, klagte lange genug bei Herzog Heinrich dem Löwen und er-langte 1323 wieder das Patronatsrecht.
Rückblickend aus der Geschichte ist die bisweilen sturköpfige Hartnäckigkeit der Wismarer bekannt und so erreichten die Wismarer 1331, dass Bischof Markwart alle seine Rechte an den Wismarer Rat abtrat. Ein „Scholasticus“ wurde nicht wieder eingestellt und seit dieser Zeit hat der Wismarer Rat bis heute unangefochten das Patronatsrecht über die Wismarer Schulen. Dies wurde auch während der schwedischen Zugehörigkeit 1653 in einem Huldigungsrezess durch den schwedischen König neu verbrieft.
Der Rat setzte also künftig den Rektor ein, der in städtischem Dienst auch bezahlt wurde. Als Zeichen seiner „Würde“ erhielt er Stock und Rute. Einen Teil seines Lohnes verdiente er sich auch gewissermaßen „leistungsabhängig“, d.h. je mehr Schüler kamen, je mehr Schulgeld, welches er bestimmte, konnte er einnehmen. Der Rektor hatte neben seinen schulischen Arbei-ten eben auch für die Wirtschaftlichkeit und für die Erhaltung des Schulhauses zu sorgen. Er stellte auch eigenständig, sicher in Rücksprache mit dem Rat, die Lehrer an.
Der Schulunterricht unterschied sich im Gegensatz zu heute doch in wesentlichen Punkten. Gelehrt wurde Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen und Latein. Latein war aber eben nicht nur für den geistlichen Beruf notwendig, sondern der hansische Kaufmann brauchte dies ebenso, wenn er erfolgreich sein wollte.
Erfolgreich waren die Wismarer schon. Das ist an der überaus regen Bautätigkeit des 13. Jahr-hunderts zu sehen, die sehr viel Geld kostete und das musste eben erwirtschaftet werden. In den ersten einhundert Jahren ihrer neuen Stadt leistete man sich gleich mehrere große Kir-chenbaustellen und neben der neuen Ratskirche von St. Marien wurde ein Schulbau errichtet. Dies hatte mehrere Gründe. Zum einen profitierte man beim Schulbau von der Fertigkeit des Werkmeisters von St. Marien und auch St. Georgen, wovon die Ähnlichkeit der Schmuckele-mente zeugen, und zum anderen hatten natürlich die Schüler auch sehr viel in den Gottes-diensten der beiden Gotteshäuser zu verrichten. Die Schüler hatten vorrangig bei den Gottes-diensten, den Heiligen Messen oder auch bei Begräbnissen in und um die Kirchen zu singen oder als Messdiener Dienste zu verrichten. Das letzte Begräbnis, an dem Wismarer Schüler mit ihren Diensten beteiligt waren, war übrigens 1831 bei dem des Kaufmannes August Ockel in der St. Marienkirche. Seine Frau, Friederike Ockel, geborene Voigt, war die letzte, die in der St. Marienkirche 1835 beigesetzt wurde. Die Schüler verrichteten danach nur noch bis 1875 bei Begräbnissen für einen Bürgermeister ihren Dienst.
Die Rektoren an der Alten Schule waren natürlich Geistliche, aber, und das ist der große Un-terschied, sie waren in städtischen Diensten. Die Schüler mussten ihren Rektor unabhängig vom Unterrichtsverlauf zur Heiligen Messe begleiten.
Der Unterricht begann je nach Jahreszeit entweder morgens um sieben Uhr oder im Winter um acht Uhr und endete nachmittags um 16 Uhr. Dazwischen wurde eine Mittagspause eingelegt.
Aus dem Jahr 1297 gibt es eine Bestimmung, wonach jeder Schüler ab Allerheiligen, den 1. November bis Mariä Reinigung, am 2. Februar eines jeden Jahres ein Licht mitbringen musste.
Der Rektor und auch der jeweilige Lehrer brachte sich sein Licht selbst mit, wofür die Schüler nach Ablauf der dunklen Jahreszeit neben dem Schulgeld noch zwei Pfennige zusätzlich zu bezahlen hatten. Hinzu kam das für damalige Verhältnisse nicht unbeträchtliche Schulgeld von 16 Pfennige pro Quartal. Wer Lateinunterricht hatte musste zudem noch für das Essen seines Lehrers sorgen. Die notwendigen Schulbücher wurden vom Schulmeister nur für den Unterricht ausgeliehen. Da dies nur handschriftlich kopierte Bände waren, ist das schon ver-ständlich. Es waren ausschließlich lateinisch verfasste Bücher, besonders geistliche Werke, da vorwiegend Kirchenlatein unterrichtet wurde. Aber auch Schriften der Klassiker wurden gele-sen und gelehrt. Man erfasste natürlich alles, was auch zum normalen Alltag gehörte, wie z. B. Schriften der Kaufleute untereinander. Alles sollte dem Lernalltag unterworfen werden.
Zu Schreibübungen sind Wachstafeln verwendet worden, auf denen mit spitzen Holz- oder Metallstiften Buchstaben oder Zahlen eingeritzt wurden.
Die Marienschule, wie die Alte Schule bis in das 16. Jahrhundert genannt wurde, hat für die Entwicklung Wismars in entscheidenden Zeiten, wie der Blüte der Wismarer Hansezeit, durch ihre bildende Einrichtung wesentlich zur Stärkung des Gemeinwesens beigetragen.
Trotzdem ist zu konstatieren, dass die Masse der Bürger überhaupt keine Schulbildung bekam. Diese wandte sich, wenn es um Schreiben und Lesen ging, an die Geistlichen in der Stadt und hier waren es vornehmlich die Franziskaner im Grauen Kloster an der heutigen Schulstraße. Sie nahmen sich des „kleinen Mannes“ an und waren besonders für die Handwerkerzünfte die Ansprechpartner in Bildungsangelegenheiten und sogar in Krankheitsfällen.

Nach der Reformation

Zwar hatte in Wismar der Rat das Sagen, aber in Sachen Bildung waren die Geistlichen ton-angebend und so kann von einer breiten Bildung bis zur Reformation in Wismar keine Rede sein.
Die Reformation in den deutschen Ländern hat in Wismar ebenfalls tiefe Spuren hinterlassen.
Im Kirchspiel St. Marien war es zu einem Auswechseln der Konfessionen gekommen. An St. Marien hatte 1543 der letzte katholische Pfarrer Knudsen aufgehört und sein Nachfolger Paul Mecklenburg wetterte von der Kanzel, dass „die Bürgermeister alle auf dem Galgenberg stün-den zwischen einem Haufen und brennen, weil sie die geistlichen Güter auffräßen“. Er starb 1542 und damit war ein letztes Aufbäumen der alten Lehre in Wismar vorbei.
Neben dem Wechsel der Konfession vom Katholizismus hin zum evangelischen Glaubensbe-kenntnis, ist das Sendschreiben Martin Luthers „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ aus dem Jahre 1524 beson-ders für Wismarer Schulen von Bedeutung.
Die unmittelbare direkte Reaktion aus Wismar, ist die an Michaelis am 29. September 1541 gegründete Große Stadtschule im Grauen Kloster der Franziskaner.
So schreibt Luther in drei wichtigen Punkten:

1. Schafft Schulen für alle Schichten des Volkes, besonders aber gelehrte Schulen, die um der Religion und des weltlichen Regimentes willen notwendig sind.
2. Schafft gelehrte Schulen, die nicht bloß von künftigen Geistlichen, sondern von mög-lichst vielen Bürgersöhnen (keine Mädchen, d. Verf.) besucht werden. Denn „Einer Stadt gedeihen liegt nicht allein darin, dass man feste Mauern und schöne Häuser zeugt, sondern das ist einer Stadt bestes, dass sie viel gelehrter, ehrbarer, wohlerzogener Bür-ger hat.“
3. Die Aufsicht über die Schulen habe nicht mehr die Kirche. Erhaltung und Ordnung des Schulwesens sei künftig Pflicht und Recht der weltlichen Obrigkeit.

Diese Ausführungen kann man in wesentlichen Teilen noch heute folgen und für die Wismarer in der Mitte des 16. Jahrhunderts war besonders der dritte Punkt des Lutherischen Schreibens bemerkenswert.
Zwar sind nicht alle Forderungen Luthers, wie Schulen für das gesamte Volk, danach erfüllt worden, doch dem Wismarer Rat, der zumindest die Einrichtung einer weltlichen „Gelehrten-schule“ zügig betrieb, kann nachgesagt werden, dass er immerhin schon gut seit 250 Jahre die Patronatsrechte gegen alle Angriffe der Geistlichkeit verteidigt hatte.
Mit der Großen Stadtschule wurde auch die Einrichtung der Alten Schule, wie sie nun seit 1569 erstmals genannt wurde, immer hinfälliger.
1544 musste die Große Stadtschule wegen Umbauarbeiten im Grauen Kloster und damit ver-bundenem Geldmangel in die Schule an der St. Marienkirche verlegt werden, was den Rat noch in einem Schreiben von 1552 „nicht behage“, aber man sparte zunächst zwei Lehrerstel-len ein.
Rektor der Schule an St. Marien wurde 1544 der Wismarer Georg Wint, der in Wittenberg studiert hatte. Aus Sparsamkeitsgründen ernannte der Wismarer Rat ihn gleichzeitig zum Rek-tor der Großen Stadtschule, die praktischerweise im gleichen Haus war. Die nun gemeinsamen Schulen hatten einen unerwarteten Zulauf, womit man bei den Räumlichkeiten auch an Gren-zen stieß.
Nach Beendigung der notwendigen Umbauarbeiten zog die Große Stadtschule, an der 1554 mit dem Unterricht begonnen werden konnte, in das endgültig hergerichtete Graue Kloster an der Schulstraße ein. Georg Wint zog als Rektor mit.
In der Mitte des 16. Jahrhunderts verzeichnete die Große Stadtschule 400 Schüler. Eine enorme Anzahl, wenn man dagegen die Einwohnerzahl von etwa 8.000 Bürgern stellt. Erst-mals konnten sehr viele Bürger eine Schule besuchen und so nutzten einige Erwachsene dies Angebot, denn wie vermerkt „saßen auch einige Bärtige“ in den Schulbänken.
Damit war der Alten Schule ihre ursprüngliche Bestimmung entzogen. Wismars „Gelehrten-schule“ im Grauen Kloster stand allen Bürgern offen und die Alte Schule wurde nur noch als Elementarschule mit den Fächern für Lesen, Rechnen und Schreiben genutzt.
Bald bekam sie auch noch „Konkurrenz“ durch schnell aufblühende Privat- oder Nebenschu-len, wovon 1579 für Wismar acht aufgezählt werden. Der Alten Schule blieben einfach die Schüler weg und so kam das Aus.

Von der Schule zum Museum

Nach dem Auszug der Schule wurde die Alte Schule, der Name blieb dem Haus erhalten, zu Wohnzwecken umgebaut. Im langgestreckten Bau wurden Trennwände eingezogen und so entstanden sechs kleinere Einheiten. Ein Haus mit sechs Häusern unter einem Dach.
Nicht so ungewöhnlich für Wismar, denn das Haus Alter Schwede am Marktplatz hatte mit den zwei Hausnummern 20/21 ursprünglich auch zwei Häuser unter einem Dach.
Noch im Wismarer Adressbuch von 1877 finden wir für die Alte Schule gleich fünf Haus-nummern und als Eigentümer sind die geistlichen Hebungen Wismars vermerkt. Das „sechste Haus“ ist zugunsten des Neubaues des 1858 errichteten und 1863 bezogenen Musikdirekto-renhauses, das auch zu den Geistlichen Hebungen gehörte, abgerissen worden.
Im Stadtmusikdirektorhaus wohnte, wie der Name schon sagt, der Direktor der städtischen Musikanten. Diese hatten das alleinige Recht und auch die Pflicht, innerhalb der Stadt und auf den Dörfern um die Stadt herum Musik zu allen Anlässen zu machen.
Die Alte Schule sah um 1870 nun gerade nicht wie ein Schmuckstück aus, eher wie ein nicht geputzter Brillant.
Wismar hat im 19. Jahrhundert nach der Loslösung aus schwedischem Besitz nahezu alles un-ternommen, um wieder Anschluss an sein natürliches Umfeld zu bekommen. Die Stadtmauer wurde geschleift, die Tore bis auf das Wassertor abgerissen. Das einzige mittelalterliche Stadt-tor blieb vom Abriss nur verschont, weil ein belesener Wismarer Ratsherr eine Abbildung des Wassertores in der 1884 erschienenen Architekturgeschichte von Wilhelm Lübcke gesehen hatte. Das musste also schon etwas Besonderes sein, wenn es da verzeichnet wurde und so durfte es stehen bleiben!
Um 1850 gab es in Wismar noch 35 Häuser aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Es setzte im 19. Jahrhundert eine rege Bautätigkeit ein, was bis heute deutlich zu erkennen ist.
Neue Verkehrswege, wie Eisenbahn und Fernverkehrswege waren entstanden und viele alte Häuser passten eben nicht zu den neuen Entwicklungen. Alles Alte galt beinahe als überholt und stellte sich dem sogenannten Fortschritt entgegen. Was hinderte, hatte keinen Bestand mehr!
Die alte Dominikanerkirche an der Mecklenburger Straße wurde zu einem neuen Schulbau umfunktioniert und für Wismar ist es der seltene Glücksfall, dass trotz Kirchenaufgabe der ehemalige gotische Chor der Kirche erhalten geblieben ist. Der 1878 erfolgte Umbau des Cho-res mit zwei übereinanderliegenden Hallen, wovon eine als Turnhalle und die andere als Schulaula genutzt wird, zeugt von einer gelungenen Nutzung einer ehemaligen Kirche.
Hatten die Stadtväter die neuen Strukturen mit aller Eile betrieben, waren sie bei der Alten Schule am St. Marienkirchplatz vorsichtiger. Dies war Wismars gotisches Kleinod und diesen „Brillanten“ wollte man erhalten.
Mag bei den Wismarern auch die Euphorie der Gründerjahre nach dem deutsch-französischen Krieg von 1871/72 da gewesen sein. Viel mehr Geld hat es ihnen auch nicht gebracht, ledig-lich die neu entstehende Wismarer Industrie brachte Steuereinnahmen. Nein, es mag wohl die Erkenntnis um den wertvollen Bau gewesen sein, aber auch die durch das mecklenburgische Herrscherhaus betriebenen ersten Anfänge der Denkmalpflege.
Galt Mecklenburg ansonsten als rückständig – hier waren sie vorbildlich und hatten gute Fach-leute an ihrer Seite, die die Wismarer zur gründlichen und äußerst gelungenen Restaurierung der Alten Schule trieben.
Der damals junge Baurat Gustav Hamann, der 1882 auch den Wiederaufbau des damals ab-gebrannten Schweriner Hoftheaters leitete, übernahm die Bauleitung zur Fertigstellung der Alten Schule. Dies sicherlich in enger Zusammenarbeit mit dem Wismarer Arzt Dr. Friedrich Crull. Er war einer der Initiatoren zur Restaurierung der Alten Schule, wollte er doch mit sei-nem Nutzungskonzept letztendlich dem noch jungen Museum ein dementsprechendes Haus bieten.
Der Museumsverein wurde 1863 gegründet und hatte seinen ersten Sitz in der Dankwartstraße 47. Die Bürger waren zu Spenden für das neue Museum für Kunst und Altertum aufgerufen. Diese Sammlung war äußerst erfolgreich, so dass die neue Sammlung schon 1864 in angemie-tete Räumlichkeiten in der 1858 erbauten neuen Hauptwache am Markt einziehen musste. Dr. Friedrich Crull war ein engagierter, anerkannter und erfolgreicher Forscher der mecklenburgi-schen und Wismarer Geschichte. Bis zu seinem 60. Geburtstag praktizierte er als Arzt in Wis-mar und widmete sich ab dann nur noch seinem Engagement und der Forschung. Er verwalte-te das Ratsarchiv ehrenamtlich und übergab an seinem 80. Geburtstag das Archiv an Friedrich Techen, der ab 1905 als erster Archivar fest angestellt wurde.
Baurat Gustav Hamann entfernte die Trennwände zwischen den kleinen Häusern und natür-lich verschwanden alle Neben- und Anbauten der vergangenen Jahrhunderte. Im Inneren der Alten Schule entstand durch die Entfernung der Trennwände ein über das gesamte Gebäude sich erstreckender Ausstellungsraum. An der Alten Schule fehlte jedoch durch den Neubau des „Stadtmusikantenhauses“ das Original des Ostgiebels zur Grünen Straße hin. Aber man ersetzte diesen durch eine der damaligen Zeit angepasste Bauweise.
Hat man am benachbarten Fürstenhof durch die etwa zur gleichen Zeit durchgeführte Restau-rierung einiges am Originalen aufgegeben, so gab Gustav Hamann bei der Restaurierung der Außenfassaden diesen das nahezu authentische Originalbild wieder, das den bedeutenden mecklenburgischen Kunsthistoriker Friedrich Schlie, und nicht nur ihn, zur höchsten Aner-kennung zwang.
1880 war die sehr gelungene Restaurierung abgeschlossen. Die Wismarer erkannten ihre Alte Schule beinahe nicht wieder. Von allen Nebensächlichkeiten befreit, zeigte der hochgotische Bau nun seine volle architektonische Schönheit!
Am 7. Mai 1881 eröffnete das neue Wismarer Museum für Kunst und Altertum, der Vorgän-ger des jetzigen Kultur- und Stadthistorischen Museum Schabbelhaus, seine Ausstellungsräu-me im wohl schönsten und dafür würdigsten Haus in Wismar.
Für die Fachwelt war in Wismar jedoch ein „Brillant“ nicht „umgeschliffen“, sondern gründ-lich und sorgfältig gesäubert worden. Das brachte sehr viel Anerkennung im In- und Ausland. An der Alten Schule kam ab sofort keine Veröffentlichung zur Gotik im Allgemeinen und gar zu Wismar im Besonderen vorbei. In allen Veröffentlichungen wird die Alte Schule bis heute als einer der bedeutendsten Profanbauten der Hochgotik in Mitteleuropa verzeichnet.

Die Zerstörung

Wismar hatte im II. Weltkrieg insgesamt zwölf Luftangriffe erlebt. Am 24. Juni 1940 den ersten und in der Nacht vom 14. April auf den 15. April 1945 den letzten und damit zwölften Luftangriff.
Zwar war der elfte Luftangriff am 25. August 1944 mit 205 getöteten Menschen der schwers-te, jedoch bis heute ist der letzte Bombenangriff vom April 1945, schon allein wegen der ho-hen Symbolkraft, derjenige, der den Wismarern am längsten an die Sinnlosigkeit des Krieges erinnern sollte.
Für die Wismarer kam dieser Angriff völlig überraschend. Keiner hatte mehr damit gerechnet. Schon gar nicht, dass die Kirchen Ziel eines Angriffes werden sollten.
Die Stadt war 1945 voll von Menschen. Viele Flüchtlinge waren in der Stadt. Die Luftschutz-bunker reichten für alle Menschen schon lange nicht mehr und so wurden einfach Räumlich-keiten, die diesen Anspruch überhaupt nicht mehr genügten, als Luftschutzkeller deklariert. Eine dieser Räumlichkeiten war der Keller der Alten Schule und es braucht nun wirklich nicht viel Sachverstand, um zu erkennen, dass dieser Raum völlig ungeeignet war.
Am späten Abend des 14. April 1945, gegen 23 Uhr, gab es Voralarm und manch einer störte sich daran wegen des abgebrochenen Schlafes. Doch um 23:31 Uhr begann der Angriff der zehn Bomber-Mosquitos der Royal Air Force über der Stadt und zeitgleich waren die ohren-betäubenden Einschläge zu hören. In der kommenden halben Stunde fielen maximal fünf Luftminen in das Zentrum Wismars, die eine verheerende Wirkung hatten. Luftminen wurden während des Krieges besonders gegen Städte eingesetzt. Sie hatten mitunter mehrere Tonnen Gewicht und durch ihre Detonationswelle wurden Gebäude im Umkreis bis einhundert Me-tern zerstört. Innerhalb kürzester Zeit war Wismars zu Stein gewordene Geschichte, das Goti-sche Viertel zwischen Archidiakonat und St. Georgenkirche ein weites Trümmerfeld. Die Sprengkraft war verheerend und der entstehende Luftdruck ließ nicht nur Fensterscheiben in einem weiten Umkreis zerspringen, sondern zerstörte auch Gebäude, wie die Alte Schule. Die Kapelle Maria zur Weiden kam mit den Schäden am Dach und an den Fenstern etwas „glimpflicher“ davon, weil sie im Schatten des Kirchturms von St. Marien lag, während sich die Alte Schule genau im Bereich der Druckwelle befand.
Um sechs Minuten nach Mitternacht drehten die Bombenflugzeuge Richtung England ab. Dort kamen sie ungestört zwischen zwei und drei Uhr an. Der Wismarer Angriff war ein Ent-lastungsangriff, denn das Hauptangriffsziel war Potsdam gewesen. Später wird der Londoner Rundfunk verkünden, dass in Wismar die Hafensilos getroffen worden sind, eine Mär, der noch jahrelang geglaubt wird.
Sofort nach Beendigung des Luftangriffes rückten in Wismar Feuerwehrleute aus. Viele Hel-fer und Einwohner begaben sich nach Ertönen der Entwarnungssirene zum Schreckensort, um schnell helfen zu können.
Der Turm von St. Georgen brannte lichterloh, bei St. Marien sah es nicht besser aus und die Alte Schule mit dem „Musikerhaus“ war nur noch ein Steinhaufen. Aus dem verschütteten Keller der Alten Schule waren Hilfeschreie zu hören, denn viele Menschen, die im Luft-schutzkeller auf dem Marktplatz nicht mehr unterkamen, hatten hier vermeintlich sicheren Un-terschlupf erhalten. Dass dies zur Falle werden konnte, ahnte keiner.
Viele Wismarer haben in dieser Nacht die Verletzten aus der Alten Schule geborgen und ver-sorgt. Über Tote gab es keine offizielle Meldung mehr und doch gab es Tote im Gotischen Viertel. Auch ein 15-jähriger Feuerwehrhelfer kam bei der Brandbekämpfung in St. Georgen ums Leben.
Die NSDAP Kreisleitung hatte alle bisherigen Angriffe auf Wismar akribisch mit Text und Fotos archiviert. Damit sollte nach einem „Endsieg“ den Besiegten die Rechnung aufgemacht werden. Nach dem letzten Angriff war wohl für den letzten Überzeugten klar, dass hier nun nichts mehr zu gewinnen war und so ist über das gesamte Ausmaß offiziell Stillschweigen verordnet worden.
Aus den brennenden und teilweise einstürzenden Kirchen retteten die Wismarer unter Einsatz ihres Lebens einige Kunst- und Kulturschätze, ehe diese völlig zerstört wurden. Schwere Be-schädigungen hatten das Archidiakonatshaus und die Kapelle Maria zur Weiden erlitten. Das gotische Pfarrhaus von St. Marien und die Superintendentur aus der Renaissance waren un-wiederbringlich verloren, ebenso wie die Alte Schule.
Mit der Alten Schule verlor Wismar mit dem Museum eine Kultureinrichtung von Rang und viele museale Stücke waren für immer verloren, – bis 2007 nach Grabungen einige davon wie-der geborgen werden konnten.
Die beiden großen Kirchen, St. Marien und St. Georgen, hatten schwerste Beschädigungen erlitten und große Verluste waren am Kircheninventar zu verzeichnen. Ihr Wiederaufbau schien für die Wismarer damals beschlossene Sache, bescheinigte ihnen noch 1951 das meck-lenburgische Jahrbuch der Denkmalpflege für St. Georgen, dass 85 Prozent der Bausubstanz erhalten sind.
Auf dem Bereich des alten Pfarrgehöftes von St. Marien und der Superintendentur wurde 1951 die Neue Kirche für die Kirchgemeinden St. Marien und St. Georgen als Notkirche er-richtet. Man hoffte auf die Wiederherstellung der beiden schwer beschädigten großen Gottes-häuser.
Die Alte Schule war nach dem Luftangriff regelrecht zu einem Steinhaufen zusammen gefal-len. Bis 1948 waren die Überreste der Alten Schule beseitigt und ein leerer Platz verbarg bis 2007 die noch erhaltenen Grundmauern und den alten Keller.

Alte Prozessionskapelle ohne Makel

Fester Bestandteil des Gotischen Viertels ist die ehemalige Prozessionskapelle St. Maria zur Weiden oder früher auch „St. Maria zu den Weiden“ genannt, im lateinischen „St. Maria sub salice“. Der genaue Baubeginn ist nicht bekannt, doch 1324 wird die Kapelle erstmalig er-wähnt. Sie war als Prozessionskirche konzipiert und der Heiligen Jungfrau zu den Weiden (evtl. nach „den Weiden, auf den die Schafe vor Bethlehem ruhten“) geweiht. Die Namensge-berin soll auch Patronin der Korbflechter gewesen sein, was zumindest in Sachsen bei einer Kapelle gleichen Namens der Fall ist.
Zwischen den Häusern des Negenchören und der Kirche von St. Marien befand sich dieser rechteckige dreijochige Sakralbau im Stil der Hochgotik mit einem gewalmten Dach, dessen Außenmauern komplett aus glasierten Ziegeln bestand. Im Innern befanden sich im Mittelalter noch Kreuzrippengewölbe, die jedoch weit nach der Reformation, wegen Umnutzung der Kapelle oder auch wegen Baufälligkeit entfernt wurden, sodass später nur noch eine glatter Deckenschluss zu sehen war.
Wenig ist über die sakrale Ausstattung zu erfahren, jedoch so viel, dass neben Altäre und Hei-ligenverehrungen, sich diese Kapelle im Innern wenig von anderen bekannten Prozessionska-pellen unterschied. Das vorgegebene religiöse Ritual gab wenig Spielraum.
Für die Stadtgeschichte Wismars ist sie, neben dem kulturhistorischen Wert, insofern von Be-deutung, als das in dieser Kapelle der am 18. November 1427 hingerichtete Wismarer Bür-germeister Johann Bantzkow in einer Gruft in dieser Kapelle beigesetzt wurde. Nach der ab 1430 erfolgten Rehabilitierung Johann Bantzkows und des ebenfalls hingerichteten Ratsherren Hinrich von Haaren, wurde an der nordwestlichen Ecke des St. Marienkirchplatzes eine Süh-nekapelle für Johann Bantzkow auf Kosten und nach Forderung der Familie Bantzkow erbaut und 1433 geweiht. Dazu gehörte auch ein Sühnekreuz an der Richtstätte auf dem Markt, das seit hunderten von Jahren verschwunden ist. Lediglich ein Gedenkstein in der Nähe der ehe-maligen Richtstätte zeugt heute noch davon. Die kleine zweijochige gotische Bantzkow´sche Sühnekapelle wurde 1850 wegen Baufälligkeit abgerissen. Damit konnte eine Lücke zwischen den Straßen Negenchören und St.-Marien-Kirchhof geschlossen werden, da die kleine Kapelle genau auf dem heutigen Straßenverlauf stand.
Die Kapelle Maria zur Weiden hatte nach der Reformation ihre eigentliche Aufgabe verloren. Sie diente verschiedensten Zwecken, so auch als „Lagerhalle und Werkstatt“ für die neu ge-fertigten Glocken von St. Marien und später als Lagerschuppen und Geräteschuppen. Im Volksmund hieß sie wegen der dunklen glasierten Ziegel auch „ schwarze Kapelle“. In den 20iger Jahren des 20. Jahrhunderts erkannte man den eigentlichen kulturellen Wert der Kapel-le für Wismar und Maria zur Weiden erhielt eine mehrjährige fachliche Restauration, die 1933 abgeschlossen war. Vorgesehen war, den Innenraum als Ausstellungshalle für die kirchlichen Kunstaltertümer der städtischen Sammlung zu gestalten. Nach Fertigstellung schrieb der Schweriner Oberbaurat Adolf Lorenz: „Die Stadt Wismar darf stolz sein, dies schöne Werk kirchlicher Baukunst allmählich aus dem Verfall gerettet und praktischen Zwecken zugeführt zu haben, in der heutigen Zeit eine beachtliche und dankenswerte Leistung“.
Durch die Machtergreifung der Nazis kam es leider nicht mehr zur angedachten Konzeption. Am 4. November 1934 wurde in der Prozessionskapelle St. Maria zur Weiden die erste deut-sche Ahnenhalle eingerichtet. Einen Ruhm, auf den Wismar verzichten kann.
Die Kapelle Maria zur Weiden wurde ebenfalls in der Bombennacht vom 14. auf den 15.April 1945 schwer beschädigt. Das Dach war zwar abgedeckt, die Balken verkohlt, die Verglasung der gotischen Fenster zerstört aber die Außenwände waren nahezu unversehrt. Noch vor der Sprengung der St. Marienkirche am 6.August 1960 wurde die nunmehr nahezu 700 Jahre alte Kapelle willkürlich ohne, schon damals gültige, rechtliche Genehmigung illegal entfernt. Le-diglich die rechteckigen Grundmauern schlummern heute noch unter der Erde und warten darauf, kenntlich gemacht zu werden.
Wismar hat mit dieser einmaligen Prozessionskapelle einen wertvollen Schatz verloren, den es lohnt zu bergen. Wer nun aber meint, dass dieser wertvolle sakrale Bau, der fast 700 Jahre überstanden hat, durch elf Jahre Missbrauch, einen Makel erlitten hat, der tut der Kapelle bit-ter Unrecht. Elf bittere Jahre können nicht über hunderte von stolzen Jahren voller wertvoller Geschichte entscheiden. Die Wismarer sollten das der Kapelle angetane Unrecht eigentlich wieder gut machen und nicht stiefmütterlich behandeln, so zumindest der Eindruck.
Heute würde die Kapelle sich wieder nahtlos in das Ensemble des Gotischen Viertels einfügen und könnte einer guten Nutzung als Ausstellungshalle, Besucherzentrum usw. zugeführt wer-den.

Visionen für ein gotisches Ensemble

Altbundeskanzler Helmut Schmidt erwähnte einmal, wer „Visionen hat, sollte zum Arzt ge-hen“. Nun, dem hochgeschätzten Mann braucht man nicht in allen Dingen folgen, denn für das Gotische Viertel sind Visionen durchaus angebracht. Wenn sie dann noch als real einge-schätzt werden, sind sie umso wichtiger.
Wären vor 20 Jahren die Ideen die heute entwickelt werden, als noch völlig irreal erschienen, so zeigen für den Bereich Gotisches Viertel nicht nur, wie schon lange, Fachleute, sondern immer mehr Wismarer Bürger großes Interesse. Ihnen geht es um eine Wiederbelebung des Gotischen Viertels. Dies ist nicht zuletzt vielen Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren geschuldet, die auch manch fachliche und geschichtlichen Defizite tilgten. Auch die ständige Ausstellung „Wege zur Backsteingotik“, die viele Besucher nach Wismar brachte und natür-lich die fortschreitenden Bauarbeiten an den Ringmauern von St. Marien, taten ihr Übriges.
Nachdem St. Georgen einer breiten Öffentlichkeit für Veranstaltungen und Gottesdienste übergeben wurde, richtet man den Blickpunkt immer mehr auf das Geschehen um die St. Ma-rienkirche.
Erste Ausgrabungsschritte im Bereich Alte Schule erfolgten 2001 mehr als zufällig, als für den St. Marienkirchturm eine Entwässerungsleitung gebaut werden musste und man damals auf die Grundmauern der Alten Schule stieß. Sechs Jahre später, 2007, begann man zielgerichtet, die Grundmauern und den Keller der alten Schule freizulegen.
Spätestens seit dieser Zeit reißt die Diskussion um Wiederaufbau nach alter Vorlage oder ei-nem gänzlichen Neubau im Stil des 21. Jahrhunderts auf den Grundmauern der Alten Schule nicht ab.
Sicherlich ist die Alte Schule nicht allein zu sehen, sondern nur im Kontext mit den anderen Baukörpern, die einmal das Gotische Viertel ausmachten. So ist es durchaus denkbar, in die-sem Zusammenhang die Grundmauern der Kapelle Maria zur Weiden wieder zu bergen und diese beiden architektonisch wertvollen Gebäude im äußeren Baukörper den verlorenen Origi-nalen nachzubauen. Nur im Ensemble und somit in der Gesamtansicht, wird man der Alten Schule gerecht und der Besucher kann eine Epoche nachempfinden
Mit einem Wiederaufbau der Alten Schule würde Wismar ein architektonisches Kleinod zu-rückbekommen, das zwar ein Neubau wäre, jedoch Mahnung und Architekturdenkmal in ei-nem ist. Nicht zu vergessen, dass die Alte Schule als Bildungseinrichtung beispielgebend im Herzogtum Mecklenburg war und auch die Souveränität des Wismarer Rates verdeutlichte.
Die Wiederbelebung des Gotischen Viertels mit der Neubebauung nach historischem Vorbild der Alte Schule und der Kapelle Maria zur Weiden, könnte Wismar ein Alleinstellungsmerk-mal geben, wie es die Stadt vor dem 14. April 1945 mit dem Gotischen Viertel hatte.
Sicher gibt es dann im Internet wesentlich mehr Treffer für „Gotisches Viertel Wismar“.