Gotisches Viertel

Das Gotische Viertel in Wismar

Detlef Schmidt

Fotos am Ende des Beitrages

• Archidiakonat
• Pfarrhaus von St. Marien (zerstört)
• St. Marien
• Alte Schule (Musikerhaus neogotisch, gebaut mit Abriss 6. WE Alte Schule)
• St. Marien
• Kapelle Maria zur Weiden
• Marstall des Fürstenhofes mit gotischem Kreuzrippengewölbe
• St. Georgen
Der Begriff Gotisches Viertel ist 1985 versehentlich geprägt worden. Er ist 1985 entstanden als die SED auf dem Parkplatz vor St. Marien im ehemaligen Kirchenschiff auf den Gräbern der Wismarer, eine Gedenk-stunde zum 40. Jahrestag der Zerstörung abhalten ließ. Nicht erwäh-nend, dass diese Leute es selbst waren, die 25 Jahre zuvor, diese Kirche endgültig zerstören ließ und St. Georgen dem Verfall preisgegeben ha-ben. Makabrer konnte es nicht sein.
Es hieß so ab 1880 Gotischer Winkel oder Museumswinkel unter Fachleuten. Bei Wismarern schlicht „bi de Karken“ oder „bi de Schaul“.
Mit dem Begriff Gotisches Viertel wird ein einmaliger städtischer Raum gewürdigt und trotz der Verluste durch Krieg und Willkür, kann man in diesem Bereich die „in Stein gewordene Geschichte der Hanse-stadt Wismar“ nacherleben. Er ist zwischen 1250 und 1594 entstanden und so bis zum 14. April 1945 unverändert geblieben.
Die Anfänge des Bereiches sind im Gründungsjahrhundert der Stadt Wismar zu sehen.
• St. Marien, bzw. ihre Vorgängerkirche, gehörte zu den ersten Bauten der Stadt und wurde schon 1250 erwähnt, Bezeichnend ist, dass man hier die deutliche Trennung zwischen weltlicher und geistlicher Macht in den Hansestädten mit der räumlichen Tren-nung zwischen Rathaus und Ratskirche demonstrierte.
• Das Archidiakonatshaus, bzw. sein Vorgängerbau war gleichzeitig das Werkmeisterhaus von St.Marien, ehe es nach Fertigstellung von St. Marien in der Mitte des 15. Jahrhunderts, den Archidia-kon beherbergte. Er war im juristischen Sinne der Vertreter des Bischofs und praktischer weise der erste Prediger an St. Marien.
• Das Pfarrhaus von St. Marien ist im 14. Jahrhundert entstanden und in der danebenliegenden Landessuperintendentur befand sich ein „Totentanz“ von dem es damals nur 25 Exemplare in ganz Europa gab.
• Die Alte Schule, erst 1569 sogenannt, war die Marienschule. Der uns bekannte Bau ist zu Beginn des 15. Jahrhunderts errichtet worden, doch es gab einen Vorgängerbau, denn die danebenlie-gende Straße wird 1276 als „neben der Schule“ erwähnt. Sie ist bis zum Ende des 16. Jahrhunderts als Schulhaus genutzt und wurde dann zu Wohnzwecken umgebaut.
• Die Kapelle Maria zur Weiden wird um 1340 als Wallfahrtskapel-le erbaut. Nach der Reformation spielte sie im religiösen-ritualen Brauch keine Rolle mehr und wurde mehrfach zweckentfremdet. Die Schlimmste davon war, dass sie 1934 zur 1. Deutschen Ah-nenhalle eingeweiht wurde. Sie ist 1960 im Februar abgerissen worden.
• Die Banzkow´sche Sühnekapelle ist 1433 errichtet worden und auf Bürgerschaftsbeschluß 1850 vollständig abgetragen worden, um die Straße St.-Marien-Kirchhof und Negenchören zu verbin-den.
• Der Marstall des Fürstenhofes im Alten Haus, immer etwas im Hintergrund, da er so nicht sichtbar ist, ist im 14. Jahrhundert entstanden.
• St. Georgen, Wismars Stolz, ist ebenfalls schon im Gründungs-jahrhundert um 1260 erwähnt und mit dem ersten Bau begonnen worden. In drei voneinander unabhängigen Bauabschnitten ist St. Georgen 1594 fertig gestellt worden, was aber nicht heißt, dass es zwischen diesen zeitlichen Perioden keine geistliche Nutzung gab. Die späte Fertigstellung resultiert daraus, dass den Bürgern schließlich ihr Geld ausging.
• Der ehemalige Antoniterhof in der Papenstraße könnte noch ein-bezogen werden, von den gotischen Rudimenten erhalten geblie-ben sind. Klöster aus der Umgebung hatten in der Stadt noch ei-gene Höfe, die sie bewirtschaftete, wie die Doberaner in der Müh-lenstraße.
Ungeachtet seiner eventuellen und noch zu entdeckenden Be-deutsamkeit ist der Antoniterhof jedoch nie in dem uns bekann-ten Bereich des Gotischen Viertels aufgenommen worden. Des-halb taucht er hier auch nicht auf.

Heute ist von der einmalig geschlossenen städtebaulichen Leistung nicht mehr viel übrig und ich denke, die damaligen Stadtplaner, wenn es denn so etwas gegeben hat, haben diese denkwürdigen Bauten nicht irgendwo hingesetzt, sondern Blickachsen und symbolische Stellungen und mehr sehr gut beachtet.
Man kann das am Beispiel von St. Nikolai und seinem ehemals hohen Turm sehr gut nachvollziehen. Mit diesem Trick konnte man den Hö-henunterschied zwischen St. Marien als Ratskirche und St. Nikolai als Kirche der Seefahrer, von See aus betrachtet, symbolisch gleich stellen.
Die Alte Schule ist auch nicht einfach dahin gebaut worden, sondern hier wurde diese in gleicher Richtung zwischen St. Marien und St. Georgen errichtet. Hier unterrichteten Geistliche und Mönche aber die Stadt achtete streng auf die Einhaltung ihrer Patronatsrechte.
Heute ist von der ehemaligen Schönheit nicht mehr viel übrig. Der schwere Bombenangriff vom 14. April 1945 hat tiefe Wunden gerissen.
Die Neue Kirche von Otto Bartning 1951 als Typenbau errichtet, steht an der Stelle des Pfarrhauses von St. Marien.
Das Archidiakonat wurde ebenfalls schwer beschädigt und 1961 sa-niert. Es fehlt jedoch ein großer Bereich des Traufenhauses zum St. Marien-Kirchhof.
Die Kapelle Maria zur Weiden hatte nicht sehr viele Zerstörungen und doch wurde diese im Februar 1961 ohne Zustimmung der Denkmal-pflege und der Landeskirche abgerissen. Die Fundamente müssten noch unter dem jetzigen Besucherzentrum liegen.
Die Alte Schule, Kleinod der Gotik, ist komplett zerstört gewesen und 1948 abgetragen. Der Straßenbelag hat 60 Jahre den Keller vor Zerstö-rung bewahrt. Die Alte Schule war nicht das Armenhaus der Stadt. Das befand sich dort, wo heute die Arrestanstalt ist (5 Buden unter einem Dach) Die Alte Schule hatte ursprünglich 6 Häuser unter einem Dach. 1856 wurde das 6. Haus entfernt und hier entstand das neogotische Musikantenhaus.
St. Georgen brannte 1945 völlig aus. Eine kirchliche Nutzung war nicht mehr möglich. Der Hauptaltar war eingemauert und erst 1952 wurde dieser geborgen. Ein Gutachten sagte 1952, dass 85 % der Bau-substanz gut sind. Dies wurde in den folgenden 40 Jahren zur Makula-tur. Zwar wurde aus dem „Otto-Nuschke-Programm der DDR, Gelder für die Dacheindeckung bereit gestellt, der Dachstuhl wurde gebaut, und das war es. Das Gebälk verfiel und jeder Herbststurm schmiss wie-der einige Balken herunter.
Oft wird gesagt, dass der Giebeleinsturz bei St. Georgen am 25 Januar 1990 um 22 Uhr, das Signal zum Wiederaufbau war. Doch das ist die halbe Wahrheit, denn 40 Jahre lang hat das kirchenfeindliche System der DDR versucht, alles Religiöse aus den Köpfen zu verbannen. Ich wage mal zu behaupten, dass der Giebeleinsturz bei St. Georgen zu DDR-Zeiten nur eine weitere Episode im Verfall der alten Kirche be-deutet hätte.
Erst 1990 konnte der Gedanke an einen Wiederaufbau realistische Formen annehmen, der mit den Namen Kiesow und Wilcken untrenn-bar verbunden ist

Das Gotische Viertel in Wismar sollte den Bürgern Ansporn sein, hier ihre Kräfte wieder zu mobilisieren, um deren Einmaligkeit in Ansätzen wieder sichtbar zu machen.

Es gibt kurz gesagt nur zwei Bereiche, die für die Wismar Besucher am spannendsten sind: Der Hafen und das Gotische Viertel.
Wenn man den Tourismus als Wirtschaftszweig begreifen will, dann ist eine Investition zwingend notwendig.

Ein Kaufmann, der nicht investiert – verliert!

Detlef Schmidt

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IslBG

Das Gotische Viertel in Wismar

Das Gotische Viertel umfasst den städtischen Raum zwischen Archidiakonat und der Kirche von St. Georgen.