Kalenderblatt zum 20. Juli

  Schwere Zeiten für Wismars Bürgermeister

Am 20. Juli 1919 wird der Wismarer Rechtsanwalt Hans Raspe von den Wismarer Bürgern erstmalig für zehn Jahre frei gewählt. Der Wismarer Rat und Bürgermeister Dr. Paul Wildfang ist am 18. Juni 1919 zurückgetreten und eine Neuwahl des Rates und des Bürgermeisters war notwendig. Zwischenzeitlich hat ein Gremium des Bürgerausschusses die Geschicke der Stadt geleitet. Hans Raspe erhielt über 30 Prozent aller Wahlberechtigten Wismars. Die Wahlbeteili-gung war mit knapp 50 Prozent mäßig, gegenüber der Bürgerausschusswahl vom Dezember 1918, wo etwa 80 Prozent der Bürger teilnahmen. Töpfermeister Otto Reincke, Kandidat der SPD, verlor deutlich gegen über dem Kandidaten des konservativen Parteienbündnises. Es war die erste freie Wahl eines Bürgermeisters in Wismars Geschichte.
Hans Raspe ist 1877 in Bad Doberan geboren, wo sein Vater, Heinrich Raspe, Amtsverwalter war. 1879 zog die Familie nach Wismar und Heinrich Raspe wurde Oberamtsrichter am Wis-marer Amtsgericht im Fürstenhof. Er leitete seit 1881 auch den Wismarer Musikverein, den 1819 der Wismarer Bürgermeister Carl von Breitenstern gegründet hatte. Die Familie Raspe wohnte in der gerade erst erbauten Lindenstraße 19 und hier verlebte der junge Hans Raspe seine Kindheit und wohnte in dieser Straße bis an sein Lebensende. Er besuchte die Große Stadtschule und absolvierte in München, Berlin und Rostock 1898 erfolgreich ein Jurastudi-um. Nach Referendaren in Wismar und am Landgericht Schwerin arbeite er mit dem Wismarer Rechtsanwalt und Justizrat Paul Thormann in dessen Gemeinschaftspraxis am Markt. Hans Raspe heiratete die aus Egeln bei Magdeburg stammende Charlotte Kuthe mit der er sechs Kinder hatte. Raspes Schwester Helene hatte den Rechtsanwalt Dr. Hans Lansemann geheira-tet und war Mutter des später in Schwerin am 19. April 1951 im Stasi-Gefängnis umgekom-menen Pastors Robert Lansemann.
Nach der Wahl am 20. Juli 1919 trat Hans Raspe am 1. August 1919 sein Amt an. Es waren schwierige Zeiten für Wismars Bürgermeister. Der erste Weltkrieg war gerade zu Ende, die Monarchie stürzte in Deutschland zusammen, die Novemberrevolution von 1918 ließ alte Strukturen verschwinden und der „Kapp-Putsch“ wollte auch in Wismar alte Verhältnisse wieder herstellen. Sieben Wismarer sind dabei erschossen worden.. Seit Jahrhunderten gab es im Wismarer Rat Senatoren und Bürgerschaftsausschüsse. Das änderte sich ab 7. Oktober 1919 und fortan gab es bis zum 30. Mai 1990 Stadträte und Stadtverordnetenversammlung. Hans Raspe versprach bei Amtsantritt sich tatkräftig für die Stadt einzusetzen, denn von Be-ginn an stand Raspe unter Verdacht als Kandidat der konservativen Parteien, deren restaurati-ven Gedanken zu unterstützen. Er verwahrte sich strikt dagegen und sagte in seiner Rede: „Was ich brauche, um auf diesen Posten etwas Ersprießliches für Wismar zu leisten, ist neben einer guten Arbeitskraft, die ich mitbringe, Ihr Vertrauen, und zwar nicht nur von denen, die für mich gestimmt haben, sondern von Ihnen allen und von denen hinter ihnen stehenden Wählern“. Das war ihm wichtig, stand er doch einem sozialdemokratisch dominierendem Rat gegenüber. Hans Raspe war nie Sozialdemokrat, sondern ist dem politisch konservativen La-ger zuzuordnen. Seit 1904 war er Mitglied im rechtskonservativen „Kyffhäuserbund“. Raspe legte sein Hauptaugenmerk auf die Entwicklung der Wismarer Industrie und des Hafens, was äußerst wichtig war. Die sozialen Bedingungen verschärften sich in den zwanziger Jahren durch den Bankrott der Podeus´schen Werke und die Weltwirtschaftskrise deutete sich an. Wismar hatte teilweise bis zu 30 Prozent Arbeitslosigkeit. Ab 1925 begannen die Nazis mit dem späteren NS-Oberbürgermeister Alfred Pleuger hier Fuß zu fassen und die „Deutschnati-onalen“ zogen 1924 mit Dr. Franz Plog in die Stadtverordnetenversammlung ein. KPD und SPD bekriegten sich bis aufs Blut und es werden sogar Prügeleien im Bürgerschaftssaal proto-kolliert. „Linksfaschisten“ ist eine der Beschimpfungen, die sich die KPD Abgeordneten von der SPD anhören mussten.
1929 stand eine erneute Wahl des Bürgermeisters an und das konservative Lager hatte sich mit Einschränkungen auf Hans Raspe geeinigt, doch diesmal waren KPD und SPD sich einig und am 29. Juli 1929 ist der aus Berlin stammende Dr. Heinz Brechling (SPD) zum neuen Bürgermeister gewählt worden. Ihn jagten die Nazis am 8. März 1933 aus dem Amt. Hans Raspe begann in Wismar wieder als Rechtsanwalt tätig zu sein und verhielt sich in der NS-Zeit äußerst loyal, war sogar Scharführer des „Stahlhelms“, dem Bund der Frontsoldaten und Mitglied im NS-Rechtswahrer Bund. Nach dem Krieg ist er am 22. Mai 1945 von den Briten zum Stadtkämmerer von Wismar ernannt worden und am 31. Oktober 1945 wurde er Mit-glied der CDU. Er trat am1. September 1947 sogar der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft bei. Am 20. Dezember1950 ist Hans Raspe aus städtischen Diensten verabschiedet worden mit dem Aktenvermerk: „Konservativ eingestellt. Setzt sich zwar tatkräftig für die Belange der Stadt ein, ist jedoch nicht unbedingt mit allen Maßnahmen der DDR einig“. Hans Raspe stirbt im Alter von 80 Jahren am 19. Juni 1957 in Wismar, zuletzt wohnend in der Dr.-Leber-Straße 56.

Was sonst noch passierte
21. Juli 1905 Kapitän Kommerzienrat Heinrich Podeus gestorben.
21. Juli 1940 4. Luftangriff: Einen platzierten Abwurf von etwa 35 Sprengbomben und 60 Brandbomben auf Wismar. Dabei wurden Gebäude und Gleisanlagen der Zuckerfabrik be-schädigt. Weitere Einschläge gab es in der Rabenstraße und am Philosophenweg. Bomben-splitter beschädigten zwei Flugzeuge der Norddeutschen Flugzeugwerke von Dornier auf dem Hafffeld.
22. Juli 1849 Erstfahrt des Schaufelrad-Dampfschiffes „Friedrich Franz II“.
22. Juli 1940 5. Luftangriff: Es erfolgte spät abends Fliegeralarm. In der Zeit von 0.30 Uhr bis 2.45 Uhr griffen zwölf englische Kampfflugzeuge die Stadt an. Dabei fielen ca. fünfzig Sprengbomben und etwa gleich viele Brandbomben. Es wurde ein Schuppenkomplex am Ha-fen zerstört und ein vor Anker liegender schwedischer Dampfer von einer Brandbombe ge-troffen. In der Siedlung Dargetzow waren leichte Schäden an Wohnhäusern zu verzeichnen.
23. Juli 1539 Blitzeinschlag in die Marienkirche, Turm und Dach brennen, Zerstörung der Stundenuhr im Chorumgang.
25. Juli 1363 In der Hansestadt Wismar findet erstmalig ein Hansetag statt. Am 1. November 1411 der zweite in der Wismarer Geschichte und letzte in Wismar.
25. Juli 1936 Besuch der U-Boot Flottille „Weddigen“ mit drei U-Booten in Wismar. Die U-Boot Flottille „Weddigen“ (benannt nach Otto Weddigen, U-Boot Kommandant im WK 1) ist am 25. September 1935 in Dienst gestellt und markiert den Beginn der Wiederaufrüstung mit U-Booten der Nazis.
25. Juli 1940 6. Luftangriff: Um 1.30 Uhr warnten die Sirenen die Bürger Wismars vor briti-schen Flugzeugen. Im Hochangriff warfen drei Bomber vier Spreng- und dreißig Brandbom-ben, die auf der Gemarkung Fliemsdorf detonierten, wo ein Scheinflugplatz zur Irritation des Gegners errichtet worden war.
25. Juli 2003 Auf den Dalben in der Hafeneinfahrt werden nach altem Vorbild in der Zeit vom 24.7. – 31.7.2003 wieder die Schwedenköpfe aufgestellt.
25. Juli 2006 Eröffnung des Technologie- und Forschungszentrum (TGF) Wismar mit Haus 5 und 6 im Holzhafen (Multimedia Port).

Detlef Schmidt

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